Zuggespräche, Gebärfähigkeit & Glück

Ich war diese Woche dienstlich in Berlin zu einer wundervollen Veranstaltung des Wirtschaftsministeriums. Eingeladen hatte Ministerin Brigitte Zypries: weiblich geführte Starts-Ups, UnternehmerInnen und weibliche Führungskräfte aus Unternehmen. Es war ein reines Frauen-Event unter dem Claim: #starkeFrauenstarkeWirtschaft – aber ist das so?Ich bin ja nun schon gut sechs Jahre freiberufliche Beraterin und habe dieses Jahr die Ideenspinnerei gegründet. Ich habe in der Zeit zwei Kinder bekommen, es gab zwei mal unterschiedliche Regelungen für das Elterngeld. Als selbstständige Unternehmerin im gebärfähigen Alter ist die Absicherung für jene Gebärfähigkeit eine besondere Situation. Es gibt verschiedene Dinge die dafür wichtig sind: Zunächst die Art der Versicherung. Ich bin freiwillig gesetzlich versichert mit Krankengeldanspruch ab Tag 21 der Arbeitsunfähigkeit. Das kostet ein paar Euro mehr, steht aber in keinem Verhältnis zum Schutz den ich dafür erlangt habe. Ich war in der zweiten Schwangerschaft lange krank geschrieben (denn als freiwillig gesetzlich Versicherte aka Selbstständige bekommst du keine Arbeitsunfähigkeit aufgrund von Schwangerschaft, denn man hat, anders als die Arbeitnehmerinnen, vorher nicht in die entsprechenden Versicherungstöpfe eingezahlt – und selbst wenn ich das wollte, ist das mir als Selbstständiger nicht möglich), jedenfalls war ich lange krank geschrieben und habe nur so den Arbeitsausfall entsprechend „vergütet“ bzw. entschädigt bekommen. Hätte ich diesen Zusatz nicht, wäre ich zwar krank daheim gewesen, aber ohne monatliche Krankengeldzahlungen. Und das kann schnell ruinös wirken (Miet, monatliche Fix-Summen… ihr wisst wovon ich rede). Ein weiterer Vorteil dieser Versicherung: Man erhält Mutterschutzgeld. Richtig. Das bekommt man als Privatversicherte zwar auch, aber nur einen minimalen Satz um die 10/12 Euro pro Tag. Durch diesen Zusatz bin ich berechtigt die vollen Mutterschutzleistungen zu erhalten, die auch eine Arbeitnehmerin bekommt. Andernfalls bedeutet es nämlich entweder bis kurz vor den Entbindungstermin arbeiten und wirtschaften (das ist ja individuell möglich, aber ohne geldwirksamen Versicherungsschutz wird es zu einem Zwang) oder eine finanziellen Ausfallbelastung, weil frau, aus welchen Gründen auch immer, nicht wirtschaften kann. Soll ja vorkommen, dass frau mit Dickbauch einfach nicht mehr richtig ihren Job machen kann. Diese Art versichert zu sein bedeutet auch Mutterschutzgeld acht Wochen nach der Entbindung. (Auf die hätte ich privatversichert auch keinen Anspruch gehabt). Unternehmerische Aktivitäten und Schwangerschaft zu vereinbaren, das ist durchaus auch abhängig vom Versicherungsschutz. Dazu kommt: Man sollte sich bewusst sein, dass ein potentielles Elterngeld mit dem Umsatz, bzw. am Steuerbescheid des Jahres vor Geburt des Kindes fest gemacht wird. Zwei Beispiele: Konnte man das Jahr davor gut arbeiten und wirtschaften, das Kind kommt zum Beispiel im August oder September auf die Welt, dann ist das meist kein Problem, es sei denn man hat sich im Jahr davor erst selbstständig gemacht (so ging es mir beim Großkind – das ist dann schon eine finanzielle Belastung). Ein Januar Kind, wo frau, aus welchen Gründen auch immer, bereits ab dem dritten Monat nicht mehr arbeiten konnte in der Schwangerschaft, ist definitiv eine finanzielle Belastung für das Elterngeld. Würde das Kind hingegen bis 31.12. auf die Welt kommen, würde noch das Steuerjahr davor greifen, also das, wo man ggf. gut arbeiten und wirtschaften konnte. Ab dem 1.1. ist der Bezugszeitraum für das Elterngeld dann im dümmsten Fall das Steuerjahr, indem aufgrund von Schwangerschaft, schlechter wirtschaften konnte. Das ist in meinen Augen sozial höchst ungerecht, da ja auch nicht alle Frauen aus Spaß an der Freude selbstständig sind, sondern mit einem durchschnittlichem Einkommen von 1100 Euro (So habe ich es auf der Tagung erfahren – wovon alles noch abgeht), sich das nicht immer auch selbst ausgesucht haben.

Ich hatte die Gelegenheit diese Aspekte kurz mit Ministerin Zypries zu besprechen. Ich finde einfach, dass es da kaum Licht im Dunkel für selbstständige, schwangere Frauen gibt. Das ist schade, denn sie leisten viel und sollten etwas mehr berücksichtigt werden.

 

Weitere Themen waren die Quote, deren Notwendigkeit und wir waren uns an meinem Tisch soweit einig, dass wir die Quote in 20 Jahren nicht mehr brauchen dürfen und dass wir als Mütter und Eltern, eine besondere Verantwortung dafür tragen, wie sich die Rollenbilder unserer Söhne und Töchter mal entwickeln – das werde ich in einem eigenen Beitrag bearbeiten, weil das ein wichtiges Thema ist.

Dann musste ich leider auch schon los, den letzten Zug nach Erfurt nehmen. Dachte ich. Nunja. Fünfzehn Minuten Verspätung als ich kam, ein Umsteigefenster zum letzten Zug nach Erfurt von 5 Minuten in Bitterfeld, und ich wusste: Ab jetzt wirds Mist. Die Info gab mir nur den Tipp bis Leipzig zu fahren, einen Hotelgutschein für Berlin gab es nicht, da bereits zu viele Leute nicht weiter gekommen sind (es war der Tag der Anschläge auf die Bahn). Der Zug kam dann letztlich auch nur 70 Minuten später und wir konnten nach halb elf in Berlin los fahren. Nachts. Ich war mega bedient, da nicht klar war, wie ich ab Leipzig weiter kommen, oder ob ich dann dort ein Hotel nehmen muss.

Ich fiel also in meinen Business-Klamotten hundemüde, verschwitzt, überdreht und übermüdet in meinen Bahnsitz. Neben mir nahmen zwei weitere Frauen platz, sichtbar gebräunt und auf dem Rückweg von einer Reise. Sie kannten sich nicht, wir kamen alle drei schnell ins Gespräch. Es war, als würden wir uns ewig kennen. Die eine, ich nenne sie wirklich lieb gemeint das Hippie-Mädchen, kam aus Griechenland und studiert noch in Erfurt, quasi bei mir um die Ecke. Die andere, ich nenne sie die Endzwanzigerin (auch nur lieb gemeint, denn sie war sehr nett), kam aus Portugal, hatte bereits einen aufreibenden und schwierigen Rückflug hinter sich und arbeitet in meiner eigentlichen Heimatstadt. Und dann kamen wir, müde, dreckig und hungrig ins Gespräch. Es war sehr unterhaltsam. Jede erzählte, so was sie machte, was sie heute und in den letzten Tagen erlebt hatte. Wir alle waren uns einig, dass keiner etwas für unsere Situation kann, und wir jetzt irgendwie das beste daraus machen werden in den nächsten Stunden. Wir spielten verschieden Szenarien durch, wie wir aus Leipzig noch nach Hause kommen würden, der Schaffner brachte dann etwas mehr Erleuchtung, es würde also irgendwie mit dem Taxi weiter gehen. Wir streiften die Themen Kinderwunsch (die Endzwanzigerin hatte diesen, aber eben leider noch keinen Partner, mit dem sie sich das vorstellen könnte, beide waren sich einig, dass es toll sein müsste, wie ich, nach Hause zu kommen, und sich dann an zwei kleine Wesen und Mann kuscheln zu können), Stillbrüste auf Dienstreise (das war mein Part – denn das war mein Problem – ich hatte nämlich keine Pumpe dabei und war schön länger weg vom Milchmädchen, ich hatte daher auch null Lust eine Nacht komplett weg zu sein, dann hätte ich Körbchengröße Z+ erreicht), hormonfreie Verhütung (und witzigerweise verhüteten wir alle hormonfrei und schon viele Jahre ohne Pille und waren uns einig, dass dies für Libido und Selbstwahrnehmung nur Vorteile bringt), über Space-Cookies (unnötig zu erwähnen wer diese unlängst konsumiert hatte) und andere Dinge aus dem Alltag. Dass Menschen um uns herum sich weg setzten war ein gutes Zeichen für die Qualität unserer Unterhaltung 😉 Wir hatten einfach Spaß und Interesse aneinander. So kurz vor 12 irgendwo zwischen Berlin und Leipzig. Angekommen in Leipzig hatte ich mit dem Hippie-Mädchen Glück noch ein Taxi nach Erfurt zu bekommen, die Endzwanzigerin wurde von einem Mann, mit dem sie sich vielleicht Kinder vorstellen könnte, abgeholt und wollte den Gutschein der Bahn aus diesem Grund auch gar nicht nehmen. Wir haben uns beim Abholen noch vielsagende Blicke zugeworfen – wie Teenies, die den neuen Schwarm fix begutachten, albern gekichert und den beiden eine gute Heimreise gewünscht.

Wir haben übrigens das defekteste (gibt es diese Steigerung überhaupt?) Taxi erwischt. Es klapperte und quietscht, der Fahrer alles andere als vertrauenerweckend aber immerhin nett. Wir sind dann beide immer weg gedöst und waren dann so gegen halb drei in Erfurt. Für 280 Euro auf Kosten der Bahn.

Ich musste dann noch fix 20 Minuten in die Provinz fahren und habe mich glücklich an meine Bande gekuschelt. Das Milchmädchen seufzte erleichtert im Halbschlaf „Mammmmiii“ und kuschelte sich sofort stillend an mich. Ich war dankbar. Zum einen für meine Familie und zum anderen wurde ich endlich von Körbchengröße Q erlöst.

Liebe Endzwanzigerin und liebes Hippie-Mädchen: Es war ein wundervolles Gespräch mit euch – vielleicht laufen wir uns nochmal über den Weg – ich wünsche euch jedenfalls alles Gute für eure Vorhaben, Pläne und Träume.

Ich hatte einen tollen Tag der Vernetzung und voller spannender Begegnungen und viele Gespräche auf Augenhöhe (und das hat das Event im Wirtschaftsministerium auch so besonders gemacht, ich fühle mich immer noch geehrt, dass ich eingeladen wurde mit der Ideenspinnerei): Zwei Ministerinnen, die Frau des Bundespräsidenten, fabelhafte Unternehmerinnen und euch zwei freie und doch auch sehnsüchtige mitreisende Frauen im Zug.

Und was hast du auf deiner letzten Zugfahrt erlebt?

Ich freue mich auf deine Geschichte,

Birgit aka Provinzmutti

Hier sind noch drei kleine Viedeos vom Event:

 

 

Letzter Satz: Würde es so eine Veranstaltung nur für Männer geben, würden wir uns überigens aufregen. Das nur so als Denkanstoss – denn dir Förderung von Frauen ist nun leider noch wichtig.

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